Deutsche Erstaufführungen aus Syrien, Palästina und Marokko – mitten in Neukölln!
Eine Koproduktion zwischen suite42 und Heimathafen Neukölln.


Das Marokko-Wochenende

Aufführungen und Gespräche mit Autor Jaouad Essounani
4. bis 7. April 2013 im Heimathafen Neukölln

english

Part III:

The Marocco-Weekend:
shows, workshop, panel discussion and audience talks
with Jaouad Essounani
4.–7. April 2013 at Heimathafen Neukölln


Hassan Leklichée
by Jaouad Essounani & Ensemble
4. & 5. April 2013, 19:30 h at Heimathafen Neukölln

Like Forest Gumps catastrophic brother the young Hassan stumbles through a racing revue of collective risks under King Hassan II.


Hadda – A Life of Crossing Borders
by Jaouad Essounani & Ensemble
6. & 7. April 2013, 19:30 h at Heimathafen Neukölln

A woman. One country. Many voices. Hadda embodies the schizophrenia of Marocco and finally seeks an answer from … god.


Down with the King! Long live the King!
Panel discussion with Jaouad Essounani, Sami Charchira and Lydia Ziemke
6. April 2013, 15:30 h at Heimathafen Neukölln

Theatre texts, directed in Marocca and in Germany - from different perspectives on the Berber, the image of women, Islamic extremism, colonialism, refugees, globalised free market economy and the “struggle against terror”: Where do the perspectives differ? What is important? And: What is the maroccan king actually doing and what is happening to revolutionary developments around him?


Emotion through physicality
Workshop with Jaouad Essounani
7. April 2013, 13:00–17:00 h at Heimathafen Neukölln

Jaouad Essounani will examine the concept of the “athletic actor” along Antonin Artauds lines theoretically and practically, adapting it to the canon of his own practise.


Jaouad Essounani

since 2004 Jaouad is leading his Company Dabateatr in Rabat. He writes and directs, at various theatres and the Circus “Shems”. 2008 his piece “Il/Houa” was rewarded with the Grand Prix de Theatre and the National-Award for best direction. For three years the series “Daba Citoyenne” supported young theatre artists and brought political and social issues to the stage each month. The residency programme “Labodaba” allows different international artists to use facilities for a month with a public presentation at the end.


Podiumsdiskussion »Es lebe der König! Nieder mit dem König«
1 / 15
Fotos: Piero Chiussi

Einladung_Marokko_Wochenende.pdf (PDF, 1 MB)

4.–7. April 2013
04.04. 19:30 h Hassan Leklichée
05.04. 19:30 h Hassan Leklichée, mit Publikumsgespräch
06.04. 15:30 h Podiumsdiskussion »Nieder mit dem König! – Es lebe der König?«
  19:30 h Hadda – Ihr Leben eine Grenzüberschreitung,
mit Publikumsgespräch
07.04. 13:00–17:00 h Workshop mit Jaouad Essounani: »Emotion durch Körperlichkeit«
  19:30 h Hadda – Ihr Leben eine Grenzüberschreitung,
mit Publikumsgespräch

Heimathafen Neukölln: Karl-Marx-Straße 141, 12043 Berlin, Tel. 030 - 56 82 13 33, www.heimathafen-neukoelln.de


Hassan Leklichée
von Jaouad Essounani & Ensemble
4. und 5. April 2013, jeweils 19:30 h im Heimathafen Neukölln

Als Katastrophenvariante von Forrest Gump durchstolpert der junge Hassan unter König Hassan II eine rasante Revue kollektiver Risiken.


Hadda – Ihr Leben eine Grenzüberschreitung
von Jaouad Essounani & Ensemble
6. und 7. April 2013, jeweils 19:30 h im Heimathafen Neukölln

Eine Frau, ein Land, viele Stimmen. Hadda lebt die Schizophrenie der marokkanischen Identität, und erwartet schließlich eine Antwort von … Gott.


Nieder mit dem König! – Es lebe der König?
Podiumsdiskussion
6. April 2013, 15:30 h im Heimathafen Neukölln

Theatertexte, inszeniert in Marokko und in Deutschland – mit verschiedenen Perspektiven auf das Berbertum, Frauenbild, Islamisierung + Radikalisierung, Kolonisierung, Flüchtlingsströme, globalisierte Marktwirtschaft und den Kampf gegen den Terror: Was unterscheidet sich, was ist jeweils wichtig? Darüber hinaus: was macht eigentlich der König und was die revolutionären Bewegungen in Marokko?
Ein Gespräch über politische Eigenverantwortung und die Möglichkeiten der Kunst mit Jaouad Essounani, Lydia Ziemke und dem deutschen Ensemble sowie marokkanischen Experten.


Emotion durch Körperlichkeit
Workshop mit Jaouad Essounani
7. April 2013, 13:00–17:00 h im Heimathafen Neukölln

Jaouad Essounani wird theoretisch und praktisch das Konzept des »affektiv-athletischen Schauspielers« nach Antonin Artaud untersuchen. Über reine Körperlichkeit, das gezielte Atmen und die Befreiung der Stimme mit zufälligen Texten werden Emotionen erzeugt mit Artauds Ziel, eine eigene Realität auf der Bühne und eine echte Erfahrung für den Schauspieler zu ermöglichen.
Der Workshop richtet sich an Theaterschaffende und –interessierte.


Jaouad Essounani

Seit 2004 leitet Jaouad Essounani seine Compagnie Dabateatr. Er schreibt und inszeniert, unter anderem im Zirkus Shems. Im Jahre 2008 gewann sein Stück »Il/Houa« den Grand Prix de Theatre und den Nationalpreis für die beste Inszenierung. Mit der Reihe »Daba Citoyenne« förderte er drei Jahre lang junge Theaterkünstler und brachte regelmäßig aktuelle politische Themen auf die Bühne. Das Residenzprogram »Labodaba« gibt jeden Monat nationalen und internationalen Künstlern die Möglichkeit, ein Projekt mit einer öffentlichen Präsentation zu verwirklichen.


Presse


Inforadio, 05.04.2013

Eröffnung Marokko-Wochenende im Heimathafen Neukölln

Täglich erreichen uns Nachrichten aus der arabischen Welt. Meistens geht es dabei um Politisches. Aber was passiert eigentlich kulturell im Nahen Osten und Nordafrika? Junge Berliner Theatermacher wollen diese Frage beantworten - im Heimathafen Neukölln. Anna Pataczek:

Die Serie nordafrikanischer Stücke erögffnet an diesem Wochenende Marokko - mit Theaterinszenierungen und einer Podiumsdiskussion. Zur Eröffnung des Programms gestern Abend hat Anna Pataczek die Initiatorin des Projekts getroffen.

»In Marokko gibt es eine Theaterszene. Sie machen ein Theater, das sich an alle wendet. Sie wollen, dass sie ihre Rolle in der Gesellschaft wahrnehmen und auch ihre Kraft erkennen, ihr Potential, die Gesellschaft zu bewegen, zu verändern. Und das machen sie mit starken Texten«, die die Berliner Regisseurin Lydia Ziemke nun auch für das deutsche Publikum entdeckt hat. Zwei Stücke werden im Rahmen des »Marokko-Wochenendes« im Heimathafen Neukölln aufgeführt. Sie sind beide vom jungen Theatermacher Jaouad Essounani. Gespielt wird auf deutsch mit deutschen Schauspielern.

»Es ist für uns ein wichtiger Schritt, dass wir die Texte nehmen und etwas Eigenes machen. Die Perspektive von Jaouad ist im Text und unsere Perspektiven kommen in der Arbeit dazu.«

Und so spürt man auch viel von europäischen Klischees über Marokkaner im ersten Stück des Programms. Erzählt wird die Lebensgeschichte des jungen Hassan. Er flüchtet per Boot nach Europa, wird aufgegriffen und wieder abgeschoben. Am Ende landet er im Gefängnis von Guantanamo, weil er für einen Islamisten gehalten wird.

In schnell hintereinanderfolgenden Szenen werden diese einzelne Stationen abgehakt, vor dem Hintergrund der Geschichte Marokkos seit Mitte der Siebziger Jahre bis heute. Das ist eine Menge Stoff – und auf ganz wundersame Weise gelingt es der Regisseurin und ihren vier jungen, mitreißenden Schauspielern, nur wenig Worte zu verlieren. Eine Erzählerstimme aus einem alten Radio fasst die Handlung zusammen, dazwischen gibt es faszinierendes, fast tänzerisches Bildertheater: Die Männer und Frauen finden immer wieder neue Posen für ihre Gefühle und werfen rasche Skizzen über einen Tageslichtprojektor an die Wand.

Bereits vor einem Jahr hatte die Regisseurin Lydia Ziemke Theaterstücke aus dem Nahen Osten an den Heimathafen Neukölln geholt, aus Syrien und Palästina. Die Idee kam ihr noch vor den Umwälzungen des Arabischen Frühlings.

»Ist natürlich wunderbar, dass sich das Publikum jetzt mehr durch die aufgepeitschten Medien für diese Länder interessiert. Und dieses Interesse, wenn wir die Leute bei uns haben, wir wollen, dass sie das vergessen. Dass sie die Fernsehbilder vergessen. Und dass sie sich mit den Charakteren, mit den Figuren identifizieren. Und merken, die sind nicht so weit weg von mir.«


taz, 04.04.2013

Die Essenz des Weges zur Freiheit

Zum Marokko-Wochenende im Heimathafen Neukölln zeigt der marokkanische Regisseur und Dramatiker Jaouad Essounani zwei Stücke

»Mehr Respekt« lautet das Schlüsselwort von Jaouad Essounani. Der Regisseur und Dramatiker aus Marokko zeigt zwei bemerkenswerte Stücke in der ebenso bemerkenswerten deutscharabischen Theaterreihe »Lila Risiko Schachmatt« im Heimathafen Neukölln, die in der letzten Spielzeit begonnen hat und sich am Wochenende mit Marokko beschäftigen wird.

In der Hauptfigur seines Stücks »Hassan Leklichee« bildet Essounani die letzten vier Jahrzehnte marokkanischer Geschichte parabelartig ab: Der als Kind sexuell missbrauchte Titelheld kommt aus einem familiären Umfeld, in dem sich Militärs, Prostituierte und Polisario-Aktivisten tummeln, wird durch merkwürdige Umstände zu einem Al-Qaida-Helden und landet am Ende in Guantánamo. Auch Hadda, Titelgestalt des zweiten Stücks, ist aus zahlreichen Partikeln erlittener sozialer wie sexueller Gewalt zusammengesetzt. Sie versucht, diesem Spannungsgefüge durch ein Selbstmordattentat zu entfliehen, und gerät dabei in weitere Konfliktsituationen.

Essounani sieht seine Arbeiten aber nicht als exzentrische Kampf-Stücke gegen alle denkbaren Gegner, den Westen, die Männerherrschaft, das Königtum oder den radikalen Islamismus, sondern eben als Plädoyer für »mehr Respekt«. »Ich kämpfe nicht, ich gebe nicht vor, ein Revolutionär zu sein. Aber ich bin auch nicht unterwürfig. Wenn mich etwas antreibt, dann ist es die Vorstellung von Respekt. Das ist für mich die Essenz des Weges hin zur Freiheit«, teilte Essounani in einem Mailinterview mit, das einem wegen schlechter Internetverbindung abgebrochenen Skype-Gespräch folgte.

Sein Aufruf zu »mehr Respekt« tritt in Resonanz mit den Schlachtrufen der Demokratiebewegung in Marokko. Deren Hauptforderungen, »Mehr Würde, mehr Gerechtigkeit, mehr Demokratie«, haben sich seit 2011 als ernst zu nehmende Konkurrenz zu der althergebrachten Formel »Gott, König, Vaterland«
herauskristallisiert.

Essounani ist mit seinen beiden Stücken und einem Schauspielworkshop wichtigster Protagonist des Marokko-Wochenendes vom 4. bis 7. April, das den Blick auf ein Land richtet, dessen Demokratiebewegung sich »Bewegung 20. Februar« nennt und wie andere aus einer Facebook-Initiative zorniger junger Menschen entstanden ist. Anders als in Ägypten oder Tunesien, wo sich die alten Machthaber massiv gegen jede Veränderung zur Wehr setzten, nahm der geschmeidigere - und selbst der jüngeren Generation angehörige - König Mohammed VI. dort den Ball der Veränderungswünsche auf und leitete eine Verfassungsänderung in die Wege. Ob sich dadurch die Machtverhältnisse und die Lebenssituation der Mehrheit änderten, dürfte Gegenstand der Podiumsdiskussion mit dem Titel »Nieder mit dem König! Es lebe der König?« am 6. April werden. Neben Essounani nimmt an ihr auch der in Düsseldorf lebende Sozialpädagoge und Aktivist Samy Charchira teil. Charchira engagiert sich im interreligiösen Dialog. Er publizierte zur mittlerweile 50-jährigen marokkanischen Emigration nach Deutschland und referierte jüngst zu den Aktionen von Salafisten in Deutschland.

Essounanis Theaterarbeit stellt hochemotionale Tiefenbohrungen in die Sedimente der Gesellschaft an. Er bedient sich dabei eines sich an Artaud anlehnenden physischen Theaters. »Man vergisst zu oft, dass der Körper der Träger einer Idee oder eines Gefühls ist«, meint er. Eine Idee von diesem Theaterverständnis erhält man auch in den Inszenierungen von »Hadda« und »Hassan Leklichee«. Sie wurden von der Berliner Regisseurin Lydia Ziemke besorgt, die Essounani im Rahmen eines Stipendiums entdeckte.

Tom Mustroph

suite42 – UK / France / Germany
 
»Hussein«, Berlin, November 2014/ Foto: Piero Chiussi