Deutsche Erstaufführungen aus Syrien, Palästina und Marokko – mitten in Neukölln!
Eine Koproduktion zwischen suite42 und Heimathafen Neukölln.


Rückzug

von Mohammad Al Attar (Syrien)

und

603

von Imad Farajin (Palästina)

Premiere: 24. November 2011

english

Withdrawal – by Mohammad Al Attar (Syria)
and

603 – by Imad Farajin (Palestine)

Premiere: 24th of november 2011


Withdrawal – by Mohammad Al Attar

Mohammad Al Attar confronts two lovers in Damascus: the young journalists argue how one ought to live and love within a system of corruption and pretension. The huge erruption will follow, so much is clear, but who will start it? Withdrawn from the city her desire for peace clashes with his urge for action and change. Should he stay or go now? Perhaps even to Berlin?


Nour:   Here you have peace and quiet to write. And at night the view is amazing. You can see the lights of half Damascus.
Ahmad:   You are right. The city ismore beautiful then. At night Damascus is hiding its foibles. But the landlord cheated us. Of course he did not mention the school next door. I discovered it this morning. The schoolkid were shouting paroles again and again. I am sure that they did not understand anything of what they were saying.
Nour:   I love you.

(from “Withdrawal”)


Rückzug – von Mohammad Al Attar

Mohammad Al Attar stellt in Damaskus zwei Verliebte gegenüber: die jungen Journalisten streiten, wie man leben und lieben kann in einem System von Korruption und Verstellung. Der große Knall kommt, das ist klar, aber wer fängt an? Zurückgezogen von der Stadt, trifft ihr Drang nach Ruhe auf seinen nach Veränderung. Also bleiben oder gehen? Vielleicht nach Berlin?


Nour:   Hier kannst du in aller Ruhe schreiben. Und nachts ist der Ausblick sehr schön. Du kannst die Lichter von halb Damaskus sehen.
Ahmad:   Du hast Recht. Die Stadt ist dann schöner. Nachts versteckt Damaskus seine Macken. Aber der Vermieter hat uns übers Ohr gehauen. Die Schule nebenan hat er wohlweislich verschwiegen. Heute Früh hab ich das entdeckt. Die Schulkinder haben immer wieder eine Parole wiederholt und die Rektorin hat sie angeschrien. Ich bin mir sicher, dass sie nichts von dem, was sie da aufsagen mussten, verstanden haben.
Nour:   Ich liebe dich.

(aus »Rückzug«)


Pressestimmen:

»Ein subtiler Text über eine bleiern stillstehende Zeit (in Damaskus).«
(Berliner Zeitung)

»Autor Mohammed Al Attar portraitiert eine gebildete junge Mittelschicht, die sich Fluchten schafft, statt auf die Straße zu gehen. Ein Phlegma, das aus der Perspektive der Gegenwart nahezu provozierend wirkt. Über die richtige Haltung in falschen Verhältnissen geraten sie aneinander. Eine intime, intensiv gespielte Inszenierung im öffentlichen Raum einer Neuköllner Orientbar – das geht gut auf.«
(Tagesspiegel)

Fotos: Piero Chiussi

603 – von Imad Farajin

Translated into German by Ebtihal Shedid and Andreas Bünger.
Performed in German with the original arabic surtitles.

“Happy the land that has heroes… — No! Happy the land that has no need for heroes!”
Bertolt Brecht

603 verhandelt die zentralen Fragen der Palästinenser im Gefängnis von Ashkelon in Israel, in Zelle 603, wo die Vorstellungskraft freien Lauf hat, bis die Mauern beginnen, sich zu verschieben. Vier Männer sehen sich von der Zeitgeschichte aufgerieben und fliehen, jeder auf seine Weise, in die Phantasie. Heute erscheinen ihre einst heroischen Taten sinnlos, im Gefängnis überwiegt die Sehnsucht nach den Menschen draußen und nach einem Leben in Freiheit – aber wie kann das aussehen? Seit Jahren warten sie schon, jetzt drängt einer von ihnen zum Handeln…

603 plays with the central issues of the Palestinians in the Israeli prison of Ashkelon, in cell 603, where their imagination runs wild and the walls begin moving. Four men see themselves crushed by history and take refuge in fantasy each in their own way. Today their then-heroic acts seem pointless and in prison the longing for people outside prevails, and the longing for a life in freedom—but what shape could that take? For years they have been waiting, now one of them urges them to become active again…


Und wenn ich hundert Jahre lang hier drin vergammeln müsste! Vor so ’nem Richter aufstehen? Nie! Besetzen unser Land und meinen auch noch, sie können über uns richten, oder wie? Wär ja noch schöner! Niemals würd’ ich vor so ’nem Richter aufstehen, so wahr ich Abu Namusa heiße! Abu Namusa… 2002… Abu Namusa…
(…)
Verflucht sei die Heimat, sie hat uns viel zu viel Blut gekostet… Ist es das wert? Wegen Staub, Felsen, Steinen und Bäumen… Verflucht seien die Felsen, die Steine und Bäume… Ich will leben… Ich will dem anderen zuhören… und er soll mir zuhören… Weder schlage ich ihn noch schlägt er mich… Ich vergebe ihm und er vergibt mir…

(aus »603«)

And if I rot in here for 100 years! For such a judge I will never stand up! Never! Occupy our country and think they could also judge us, or what? Great! Never would I get up for such a judge, as long as my name Abu Namusa! Abu Namusa… 2002… Abu Namusa…
(…)
Damned be the home country, she cost us way too much blood… is it worth is? Because of dust, rocks, stones and trees… Damned be the rocks, the stones and trees… I want to live… I want to listen to the other… and he should listen to me… neither do I hit him nor does he hit me… I forgive him and he forgives me…

(from “603”)


Trailer zu »603«:


Aufführung im Heimathafen Neukölln, 22. Januar 2011
1 / 2
Fotos: Piero Chiussi

Pressestimmen:

»Im Studio des Heimathafens findet Lydia Ziemke zusammen mit den zu allem bereiten Spielern ein so intensives, lebendiges Zeichenspiel, dass einem plötzlich der ›Palästinakonflikt‹-vernagelte Kopf aufgeht. Ein kleiner Karton wird zum fantastischen Vehikel für die angeblich nahe Befreiung der angeblichen Gefangenen und fährt sie doch nur immer tiefer in ihre eingebildete Gefangenschaft und ihre Opfer-Mythen ein; und eine groß umsorgte Mücke wird zum schönsten Symbol für ihren Wahn von Blutsbrüderschaft, der tatsächlich nur ihre einfachen Lebenswünsche aussaugt. Auf die Fortsetzung im Frühjahr darf man gespannt sein.« // “In the studio of the Heimathafen Lydia Ziemke and the company find such an inspiring, vibrant and playful language that our mind, which is filled up with the usual Palestine-conflict-pain, suddenly opens up for a fresh perspective. A cardboard box becomes the fantastic vehicle for their apparently near release but drives them deeper into their mental prison and martyrdom-myths; a moscito, cared for enormously by all, becomes the wonderful symbol for their mad images of being bloodbrothers, which actually suck up their simple wishes for a normal life…”
(Doris Meierhenrich, Berliner Zeitung)

»Vier Gefangene harren in einem israelischen Knast auf ihren Austausch gegen den Soldaten Gilad Schalit. Es ist ein beckettsches Warten auf den Bus, wiederum mit sparsamen Mitteln und konzentrierter Wortwucht von Lydia Ziemke inszeniert. Die Gefangenen stilisieren sich in der Enge ihrer Zelle zu Widerstandskämpfern, halten sich mit Sehnsuchtsbildern der Menschen daheim über Wasser und gehen sich bald gegenseitig an die Gurgel. Autor Imad Farajin, der auch Satiren für das palästinensische Fernsehen schreibt, lässt dabei durchaus seine Wut spüren. Aber der Dramatiker bekommt die Kurve hin zur Versöhnung, gegen den fatalen Blutdurst. Ein starker Abend.« // “Four palestinian prisoners in the israeli prison of Ashkelon are waiting for their exchange for Gilad Schalit. It is a Beckett-like waiting for the bus home, directed by Lydia Ziemke with simple effective tools and a concentrated force of words. The prisoners dream themselves into being powerful martyrs, cope by way of images of their loved ones at home and cannot keep from threatening each other with physical violence. Author Imad Farajin, who also writes satire for palestinian tv, makes his anger at the whole situation clearly felt. But he manages to bring us round to the path of resolution against the fatal bloodthirst. A very strong piece.”
(Patrick Wildermann, Tagesspiegel)

In meisterhaft lakonischer Sprache erzählt Autor Jaouad Essounani dieses Einzelschicksal vor dem Hintergrund der letzten 50 Jahre marokkanischer Geschichte … in der vielschichtigen, poetischen Inszenierung von Lydia Ziemke.
(Anouk Meyer, Neues Deutschland, 1.3.2012)

»Das hat Furor, das ist drastisch, atemberaubend, klaustrophob!« // “This piece has fury, it is drastic, breathtaking and claustrophobic!”
(Berliner Morgenpost)

Weitere Pressestimmen:
Tagesspiegel
Berliner Zeitung
taz


Team

Übersetzung: Ebtihal Shedid, Andreas Bünger, Jaouad Oaussou / Regie: Lydia Ziemke / Produktionsleitung und Produktionsberatung: Aliki Schäfer / Künstlerische Mitarbeit: Wiebke Hagemeier / Regieassistenz: Marie Popall / Ausstattung: Martina von Holn, Tucké Royale / Ausstattungsassistenz: Hoda El-Sharkawy, Anna Gentilini / Darsteller: Jillian Anthony, Javeh Asefdjah, Nadim Jarrar, Patrick Khatami, Alois Reinhardt / Technische Unterstützung: Christian Gierden & Alexander Knobbe / Fotografie: Piero Chiussi (www.webchroma.de) / Grafik-Design: Tobias Kauer

Veranstaltungs- und Workshop-Reihe:
Konzept und Umsetzung: Nora Haakh, Laura Werres, Lydia Ziemke / Assistenz: Nora Haakh, Annegret Roelcke, Hedra Youkhana / Produktionsberatung: Aliki Schäfer


Die Stücke von Mohammad Al Attar (»Rückzug«), Imad Farajeen (»603«) und Jaouad Essounani (»Hassan Leklichée«) sind während des »British Council/Royal Court Theatre Near East and North African New Writing Project« zwischen 2007 und 2010 entstanden, und wurden in Lesungen auf der Veranstaltung »I Come From There: New Plays from the Arab World Season« am Royal Court Theatre im November 2008 präsentiert. Im Rahmen von »Lila Risiko Schachmatt« werden sie erstmals ins Deutsche übersetzt und inszeniert.


Lila Risiko Schachmatt – Teil I wird unterstützt von:
Aktionärsfond Karl-Marx-Straße, Fonds Darstellende Künste, Kulturamt Neukölln

suite42 – UK / France / Germany
 
Gastspielreise Marokko, 10.–20. März 2014: Workshop suite42 und dabateatr in Rabat