Deutsche Erstaufführungen aus Syrien, Palästina und Marokko – mitten in Neukölln!
Eine Koproduktion zwischen suite42 und Heimathafen Neukölln.


Hadda – Ihr Leben eine Grenzüberschreitung
von Jaouad Essounani (Marokko) & Ensemble

Premiere: 20. Februar 2013, 19:30 Uhr
im Heimathafen Neukölln

english

Hadda – A Life of Crossing Borders
by Jaouad Essounani (Marokko) & Ensemble

Premiere: 20th of Februar 2013, 19:30 Uhr
at Heimathafen Neukölln Berlin


One Woman, one country, many voices. Hadda embodies the schizophrenia of the maoccan identity, she constantly finds the force of the new masculinity between her legs, she disentangles the rituals and colonially-twisted Quuran-Verses of her Berber-childhood. She loves marxists and Imams, reads their books, and survives the arbitrary torture of their systems. She listens as they all swear to their various interpretations - of history, religions and of the ideal state. She acts and thus reflects the naively-poetic the searching, discovering individual in this galaxy of manipulation, corruption and exclusion.

“Answer me, I am leaving their world, your world, i have always imagined the way you sit up there… like on … candyfloss, on big bushy beards of candyfloss. Noone ever offered me bigbushybeardcandyfloss … strange in a land full of bigbushybeards… I know its always beautiful up there … where you are there no borders, no limit … I come to you, I take this bus to you…”  (Hadda)

Author Jaouad Essounani denounces – that the Quran is being instrumentalised by all, in the arabic and non-arabic realm, in that they interprete the original book in order to further the relations of power. He is convinced that this leads to a radicalisation within societies in muslim countries and between societies worldwide. He examplifies the woman Hadda for the fate of Marocco with all its violent developments and demands the individual responsibility of all in the dealings with god, without god and with each other.


suite42 and Dabateatr

The production of “Hadda” marks the extension and development of our cooperation with Jaouad Essounanis company Dabateatr (“Theatre now”) in Rabat, which is already very fruitful and inspiring. Following Jaouads visits to Berlin during the rehearsals and for the premiere of “Hassan Leklichée” Lydia completed an artists residency with Dabateatr in Rabat in May 2012. The two productions of Jaouads plays are invited to Marocca late 2013, early 2014, the productions of the same plays by Jaouad (“Hadda”) and Hamza Boulaiz (“Hassan Leklichée”) will play in Germany at the earliest possible date. In the course of the funding programme “Szenenwechsel” the two companies will get to know each other during visits within their separate working contexts and work closely together towards a new binational production in late 2014.


Aufführung im Heimathafen Neukölln, Februar 2013
1 / 10
Fotos: Piero Chiussi

Vorstellungen:

2013
24.06.   Kaltstart-Festival Hamburg
07.04. 19:30 h Heimathafen Neukölln – Marokko-Wochenende
in Anwesenheit von Autor Jaouad Essounani
23.03. 19:30 h Heimathafen Neukölln
22.03. 19:30 h Heimathafen Neukölln
06.03. 19:30 h Heimathafen Neukölln
01.03. 19:30 h Heimathafen Neukölln
23.02. 19:30 h Heimathafen Neukölln
22.02. 19:30 h Heimathafen Neukölln
20.02. 19:30 h Premiere, Heimathafen Neukölln

Eintritt: 15 €, ermäßigt 10 € / Tickets: Tickethotline 030 - 61 10 13 13 / Vorverkauf: im Heimathafen Neukölln, Büro Karl-Marx-Straße 141, Vorderhaus, 3. Stock / Infos: 030 - 56 82 13 33 / Vorverkauf ohne Gebühr für ausgewählte Veranstaltungen im Heimathafen: Hugendubel am Hermannplatz, Mo.–Sa., 10–20 Uhr


Eine Frau, ein Land, viele Stimmen. Hadda lebt die Schizophrenie der marokkanischen Identität, sie hat die Gewalt der neuen Männlichkeit ständig zwischen ihren Beinen, und entwirrt die Rituale und kolonialistisch-verdrehten Koran-Verse ihrer Berber-Kindheit. Sie liebt Marxisten und Imame, liest ihre Bücher, und überlebt die willkürliche Folter ihrer Systeme. Sie hört alle schwören auf deren Auslegungen – der Geschichte, Religion und des idealen Staates. Sie handelt und spiegelt so naiv-poetisch den suchenden, findenden Menschen in dieser Galaxie von Manipulation, Korruption und Ausgrenzung.

»Antworte mir, ich verlasse jetzt ihre Welt, eure Welt, ich habe mir immer vorgestellt, wie du sitzt da oben…wie auf Zuckerwatte, auf Rauschebärten aus Zuckerwatte. Mir hat nie jemand so einen Zuckerwatterauschebart angeboten … seltsam, in einem Land, wo es von Rauschebärten nur so wimmelt… Ich weiß, dass es bei dir immer schön ist, bei dir gibt’s keine Grenzen und kein Ende… Ich komme, ich nehme diesen Bus zu dir…«  (Hadda)

Autor Jaouad Essounani prangert an, daß der Koran von allen, im arabischen wie nicht-arabischen Raum, benutzt wird, daß die Schrift verschleiert wird, um Machtverhältnisse zu beeinflussen. Für ihn führt das zur Verrohung des Zusammenlebens in muslimischen Ländern und zur Radikalisierung zwischen Gesellschaften. Er zeigt in der Frau Hadda beispielhaft das Schicksal Marokkos mit all seinen gewaltsamen Wandlungen aufzuzeigen, und fordert ein die Eigenverantwortung jedes Einzelnen im Umgang mit Gott, ohne Gott und miteinander.

Titelgrafik von Hoda El Sharkawy

Team

Übersetzung: Andreas Bünger, Jaouad Ouassou / Regie: Lydia Ziemke & Ensemble / mit Alois Reinhardt, Javeh Asefdjah, Houwaida Goulli / Produktionsleitung: Aliki Schäfer & Nadja Hermann / Bühne und Kostüme: Claire Schirck / Regieassistenz: Matin Soofipour Omam / Produktionsassistenz: Hedra Youkhana / Ausstattungsassistenz: Anna Genitilini / Hospitanz: Johanna Schütt / Ton & Musik: Houwaida Goulli & Jan Proest / Technik: Christian Gierden & Aron / Grafik: Hoda El Sharkawy & Sebastina Boldt / Fotografie: Piero Chiussi


suite42 und Dabateatr

Die Inszenierung von »Hadda« bedeutet eine Ausweitung unserer schon jetzt sehr fruchtbaren und inspirierenden Zusammenarbeit mit Jaouad Essounanis Kompanie Dabateatr (»Theater jetzt«) in Rabat. Nach seinen Besuchen in Berlin während der Entwicklung von »Hassan Leklichée« und der Veranstaltungsreihe im März 2012 trat Lydia Ziemke im Mai 2012 eine Künstlerresidenz bei Dabateatr an. Die Inszenierungen von »Hassan Leklichée« und »Hadda« aus Berlin werden Ende 2013/Anfang 2014 als Gastspiel nach Marokko eingeladen, im Gegenzug auch die gleichen Stücke in der Inszenierung von Jaouad Essounani (»Hadda«) und Hamza Boulaiz (»Hassa Leklichée«). Im Rahmen der Förderung »Szenenwechsel« werden sich beide Kompanien bei den gegenseitigen Besuchen im jeweils anderen Arbeitsumfeld kennenlernen und eng zusammenarbeiten mit dem Ziel einer neuen binationalen Produktion 2014.


Jaouad Essounani

Der Marokkaner Jaouad Essounani, studierte an der Hochschule für Theater in Rabat und Lyon, wo er u.a. mit Richard Brunel, Fadel Jaibi und Peter Brook zusammen arbeitete. Im Jahre 2004 gründete er seine Compagnie Dabateatr und brachte eine Adaption von Ariel Dorfmans »Der Tod und das Mädchen« zur Aufführung. 2005 inszenierte er sein Stück »Crash Land«, welches das Zusammentreffen von Touristen und Marokkanern durch einen Busunfall thematisiert. Am Frankophonie-Gipfel in Bukarest nahm Essounani 2006 als geforderter Künstler des Internationalen Jugendburos Brüssel (BIJ) teil. Von 2006 bis 2008 konzipierte und leitete er das Theaterfestival »Kosmoprofetes«, ein Experimentierraum, Theaterwerkstatt und Aufführungsort für junge internationale Kunstschaffende. Im Rahmen der »New Playwright Residency« des Royal Court Theatre London, arbeitete er von 2007 bis 2009 an neuen Stücken, u.a. mit David Craig und Elyse Dogson. Im Jahre 2008 schrieb und inszenierte er sein Stück »D’hommages!« und engagierte den Künstler Driss Ksikes als künstlerischen Leiter der Compagnie Dabateatr. Im selben Jahr gewann seine Inszenierung von »Il/Houa« den Grand Prix de Theatre und den Nationalpreis für die beste Inszenierung. Von 2009 bis 2010 schrieb und inszenierte Essounani ein Kindertheaterstück sowie eine interdisziplinares Stück mit Elementen aus Tanz, Theater und Video, das erneut mit dem Nationalpreis in Marokko ausgezeichnet wurde. Jaouad Essounani bringt weiterhin zusammen mit dem Dramaturgen Driss Ksikes und dem Ensemble des Dabateatr verschiedenste Stücke zur Aufführung und ist gleichzeitig Mitglied der nationalen Zirkusschule Shems, wo er zeitgenössische Zirkusstücke inszeniert.


Pressestimmen


zenith online, 21.03.2013

»Gott, jetzt antworte mir mal!«

Zwischen Koranschule und Bordell: Das marokkanische Gesellschaftsdrama »Hadda« im Heimathafen Neukölln will, anhand des Schicksals einer jungen Berberin, die gegenwärtige Geschichte Marokkos erzählen.

»Das Jenseits ist besser für dich als das Diesseits« flüstert der unheimliche Ziegenmann der schönen Hadda zu. Diese steht regungslos mitten auf der Bühne. Um sie herum flattern lange Tücher, auf denen arabische Wörter stehen. Eine Uhr tickt bedrohlich laut – oder ist es etwa eine Bombe?

Das Stück von Jaouad Essounani spielt in Marokko. Anhand von der Hauptfigur Hadda, die der Autor als Metapher für sein Heimatland benutzt, will er dem Zuschauer einen ganz anderen Einblick in die Lebenswelten junger Araber gewähren. Wie beeinflussen die politischen Geschehnisse das Leben des Einzelnen?

Die junge Frau muss viel erleiden in den kommenden anderthalb Stunden – Kolonialherren, Islamisten und Kommunisten toben sich an ihr aus. Im Dauermonolog mit Gott versucht Hadda auf naiv-humorvolle Weise ihr Leben zu verstehen: »Gott, jetzt antworte mir mal! Wo geht es hier zu dir? Ich weiß, dass du da bist.«

In schonungslos deutlicher Sprache sprüht das Stück vor Humor und Energie

Zwischen Olivenhainen wächst die Berberin in einem kleinen Bergdorf in der Nähe von Fes auf. Nachdem ein Großgrundbesitzer sie vergewaltigt hat, jagt ihre Familie sie fort. Orientierungslos zieht es Hadda nach Casablanca, wo sie in die Prostitution rutscht. Sie verliebt sich – erst in einen Marxisten, später in einen Imam. Zerrissen von lauter gegensätzlichen Einflüssen, die auf sie einwirken, versucht sie ihren Weg zu finden. Und irgendwie führt sie dieser Weg in einem Bus, mit einem tickenden Koffer auf dem Schoß. Aber, anders als in der marokkanischen Version des Stücks, endet die Geschichte nicht hier.

Essounani will provozieren und das gefällt der Regisseurin Lydia Ziemke. Sie reiste ein Jahr lang durch den Nahen Osten, um die dortige Theaterszene kennenzulernen. Zurück in Berlin begann sie Arabisch zu lernen und entwickelte mit anderen Theaterschaffenden die Reihe »Lila Risiko Schachmatt«. Zeitgenössische arabische Autoren wie Essounani, die Ziemke vor Ort traf, lieferten die Texte. Im Heimathafen Neukölln hat Ziemke mit ihrem Ensemble die Stücke auf das deutsche Publikum zugeschnitten, daher das veränderte Ende von »Hadda«. In schonungslos deutlicher Sprache sprüht das Stück vor Humor und Energie. Die drei Darsteller überzeugen, trotz der schwierigen Aufgabe, sich die Figur der Hadda zu teilen.

Ohne zumindest ein grobes Verständnis für die marokkanische Geschichte können ein paar Aspekte am Zuschauer vorbeigehen, trotzdem reißt das Stück das Publikum mit – vielleicht muss man auch nicht immer jedes Detail begreifen. »Hadda« ist vielmehr auch eine sinnliche Erfahrung. Die Musik umzingelt den Zuschauer. Manchmal sind es schrille Elektrotöne, die in den Ohren schmerzen, manchmal exotische Tabla-Klänge, die zum Tanzen auffordern. In Wechselwirkung mit den Darstellern untermalt die Musikerin und Produzentin Houwaida Goulli das Stück mit gewaltiger Live-Musik. Wem es gelingt, sich darauf einzulassen, der erlebt einen bewegenden Abend.

Mai-Britt Wulf
Originaltext nachzulesen unter: www.zenithonline.de


Neues Deutschland, 22.03.2013

Kein Paradies auf Erden

»Hadda« überschreitet Grenzen im Heimathafen Neukölln

Ein sensibles wie brutales Thema wurde als jüngste Produktion der Lila-Risiko-Schachmatt-Reihe im Heimathafen Neukölln dramatisiert. In der deutschsprachiger Erstaufführung »Hadda - Ihr Leben eine Grenzüberschreitung« geht es um den Weg einer Frau zur Selbstmordattentäterin.

Die Lila-Risiko-Schachmatt-Reihe bringt in enger Zusammenarbeit mit den Autoren zeitgenössische Stücke aus der Theaterszene der arabisch sprechenden Welt nach Berlin und will zeigen, dass die Kulturen von Morgenland und Abendland enger und länger miteinander verbunden sind, als uns bewusst ist. Sie begann vor zwei Jahren mit den Inszenierungen »603« von Imad Farajin aus Palästina und »Rückzug« von Mohammad Al Attar aus Syrien. Vor einem Jahr folgte »Hassan Leklichee« von Jaouad Essounani aus Marokko. Weitere Produktionen von Autoren aus Syrien und Libanon sind geplant.

Mit »Hadda« kam das zweite Stück des Marokkaners Jaouad Essounani in Neukölln auf die Bühne, inszeniert von Lydia Ziemke und Ensemble. Sein Thema ist wiederum, wie ein Mensch von seiner Umwelt zum einen kaum wahrgenommen, zum anderen jedoch von ihr zerstört wird. Fremde macht sich breit. Bilder entstehen, die sich nicht alle entschlüsseln lassen. Darauf kommt es auch nicht an. Vielmehr zählen Emotionen, wenn Hadda ihren Lebensweg (in der Übersetzung von Andreas Bünger und Jaouad Quassou) beschreibt.

Das moderne Phänomen von Selbstmordattentaten als Erweiterung des islamischen Märtyrerbegriffs – im Programmheft fundiert beschrieben – wird auf die persönliche Ebene gezogen. Hadda wählt diesen Weg, ohne fremden Auftrag, aus innerer Zerrissenheit. Das Versprechen, bei einer solchen Tat mit dem ersten Blutstropfen von allen Sünden freigesprochen zu werden, dem Verhör im Grab durch die Frageengel Munkar und Nakir und dem islamischen Fegefeuer zu entgehen, nimmt von ihr mehr und mehr Besitz. Dafür ist sie bereit, die Grenze zum Tod zu überschreiten.

Hadda empfindet ihr Leben, das durch Naivität, fehlende Aufklärung und mangelnden Schutz einen anderen Lauf nahm, als sie sich erträumte, als misslungen und sündig. Da will sie raus mit einem Koffer voller Sprengstoff. Sie nehme den Bus zum Allmächtigen, sagt sie. Der Naivität ist sie schon lange entkommen. Sie ist klug, hat Marx gelesen, den sie als Prophet sieht. Was er wollte, sei eine Art Paradies auf Erden gewesen. Der marokkanische Autor ebnet hier zum besseren Verständnis mit diesem Gleichnis etwas den Weg ins Europäische. Über das Anklingen des Trauermarsches »Unsterbliche Opfer«, der sicher der Regie zuzuschreiben ist, ließe sich streiten.

Die Schauspieler, die sich hier in die Fremde begeben, übersetzen die Bilder bewusst nicht. Das ist nicht Zweck der Sache. Sie haben an der Stückentwicklung mitgearbeitet und bringen besondere Biografien neben ihrem Können ein. Javeh Asefdja ist eine kraftvolle Schauspielerin, die durchaus sogar hier Humor erkennen lässt. Ihre Vita verweist auf Fähigkeiten im Kampfsport bis hin zum Feuerspucken. Wie sie ist auch Alois Reinhardt, der ansonsten beim »dt« in Göttingen engagiert ist, von Anfang an bei der Lila-Risiko-Schachmatt-Reihe dabei. Reinhardt bringt sehr schöne tänzerische Elemente ein. Vom Gesang kommt Houwaida Goulli, bleibt dafür meistens im Hintergrund.

Alle drei sind Hadda, Goulli und Reinhardt dazu die Selbstin. Eine Parallelrolle, die der Autor zum Vermitteln der Zerrissenheit Haddas schuf. Sie befragt sich. Ein zerschnittener Lebensbaum ist Mittelpunkt der Bühne von Claire Schirck. Wirkungsvoll, wie die Baumscheiben sich verteilen und stapeln lassen.

Lucía Tirado


Lila Risiko Schachmatt – Teil III wird unterstützt vom Hauptstadtkulturfonds

suite42 – UK / France / Germany
 
Gaza-Monologe: Probe in der Schaubühne am Lehniner Platz, Oktober 2010 / Foto: Wiebke Hagemeier